DAZN hat sich öffentlich zum Kampf gegen illegales Sportstreaming bekannt. Doch bei Live-Sport zählt vor allem eine Kennzahl: Wie schnell verschwinden illegale Streams, solange das Ereignis noch wirtschaftlichen Wert hat?
LONDON — Wenn Moses Itauma und Filip Hrgovic am Samstag in London um den vakanten IBF-Weltmeistertitel im Schwergewicht kämpfen, steht für DAZN mehr auf dem Spiel als ein weiterer großer Boxabend. Der Kampf wird von DAZN als Pay-per-View angeboten. Damit basiert das Geschäftsmodell auf einem knappen Gut: dem exklusiven, legalen Zugang zu einem Live-Ereignis. Genau dieses Gut wird durch illegale IPTV-Anbieter angegriffen.
Das wirtschaftliche Problem ist bei Live-Sport besonders deutlich. Ein Film kann über Monate oder Jahre Umsätze erzielen. Der höchste kommerzielle Wert eines Boxkampfs konzentriert sich dagegen auf wenige Stunden. Sobald das Ergebnis bekannt ist, sinkt die Zahlungsbereitschaft für das Live-Produkt drastisch. Für Piraten bedeutet das: Sie müssen nicht dauerhaft gewinnen. Es reicht, wenn der illegale Stream bis zum Ende des Kampfes funktioniert. Für DAZN bedeutet es: Ein erfolgreicher Takedown am nächsten Tag kann juristisch relevant sein — wirtschaftlich kommt er möglicherweise zu spät.
DAZN hat den Maßstab selbst gesetzt
DAZN selbst hat das Problem früh öffentlich anerkannt. 2023 trat das Unternehmen der Alliance for Creativity and Entertainment bei und beteiligte sich an der Gründung einer eigenen Sports Piracy Task Force. DAZN-Group-CEO Shay Segev erklärte damals, der Diebstahl geistigen Eigentums bei Live-Sport sei ein Branchenproblem und erfordere eine globale, koordinierte Anstrengung. Er verwies ausdrücklich auf die Erfahrung von ACE mit wirksamen Maßnahmen gegen Piraterie.
Damit existiert ein klarer Maßstab, den das Management selbst formuliert hat: Maßnahmen sollen wirksam sein. Die entscheidende Frage ist deshalb, wie Wirksamkeit im Jahr 2026 gemessen wird.
Italien zeigt, dass schnelle Eingriffe möglich sind
Italien liefert dafür wichtige Beispiele. Im Dezember 2023 führte eine von der Staatsanwaltschaft Catania und der italienischen Postpolizei koordinierte Operation zur sofortigen Unterbrechung illegaler IPTV- und Live-Streaming-Signale. Betroffen waren Inhalte unter anderem von DAZN, Sky, Mediaset und Amazon Prime. 21 Personen wurden untersucht; die Behörden beschrieben eine transnational organisierte Struktur mit Einnahmen in Millionenhöhe pro Monat.
Parallel entwickelte Italien ein System, das stärker auf Geschwindigkeit setzt. Die sogenannte Piracy-Shield-Infrastruktur soll illegale Übertragungen während laufender Sportereignisse rasch blockieren. La Repubblica berichtete im Februar 2024, dass während eines Serie-A-Spieltags 1.019 illegale Quellen gesperrt wurden. Mehr als 100.000 Haushalte hätten dadurch den Zugriff auf nicht autorisierte Übertragungen verloren.
Diese Zahlen bedeuten nicht, dass Piraterie besiegt wurde. Technische Infrastruktur kann wechseln, Domains können ersetzt werden und neue Anbieter entstehen. Sie zeigen aber etwas anderes: Großflächige und schnelle Eingriffe sind grundsätzlich möglich.
Nicht Aktivität, sondern Wirksamkeit zählt
Damit verschiebt sich die Debatte. Es geht nicht mehr nur darum, ob DAZN gegen Piraterie vorgeht. Das Unternehmen tut dies nachweislich. Entscheidend ist, ob die eingesetzten Systeme schnell genug reagieren, um das wirtschaftlich relevante Zeitfenster eines Live-Events zu schützen.
Dafür wären konkrete Leistungskennzahlen nötig. Wie viele illegale Streams werden bei einem großen Event erkannt? Wie lange dauert die Erkennung im Durchschnitt? Wie viele Streams werden noch während der Veranstaltung unterbrochen? Können die legalen Accounts identifiziert werden, aus denen ein illegaler Restream gespeist wird? Wie viele gesperrte Quellen tauchen kurz darauf unter neuer Adresse wieder auf?
Solche Zahlen wären für Rechteinhaber, Ligen, Promoter und Investoren wesentlich aussagekräftiger als die Zahl der Monate später abgeschalteten Websites. Für den europäischen Medienmarkt ist die Frage besonders relevant. Rechtepakete werden immer teurer, während Verbraucher gleichzeitig mit einer wachsenden Zahl an Abonnements konfrontiert sind. Wenn illegale Anbieter Premium-Inhalte zu einem Bruchteil des legalen Preises bündeln können, entsteht neben dem rechtlichen Problem zunehmend ein wirtschaftlicher Parallelmarkt.
DAZN hat sich öffentlich zu einem entschlossenen Kampf gegen diese Strukturen bekannt. Segevs Aussage von 2023 liefert dafür den Kontext: Live-Sport-Piraterie brauche eine koordinierte und wirksame Antwort. Der nächste Schritt wäre Transparenz darüber, wie wirksam diese Antwort tatsächlich ist.
Denn bei Live-Sport entscheidet nicht allein, ob ein illegaler Anbieter irgendwann verschwindet. Entscheidend ist, ob er verschwindet, bevor der Schlusspunkt fällt.
Sources
- DAZN, Moses Itauma vs Filip Hrgovic PPV FAQs, August 2026
- DAZN Group, ACE Launches Sports Piracy Task Force, Welcomes DAZN as Newest Member, May 8, 2023
- La Repubblica, Pirateria, per il pezzotto 21 indagati… December 19, 2023
- La Repubblica, Capitanio (AgCom): Il calcio dei pirati oscurato in 30 minuti, March 8, 2023 –
- La Repubblica, Pirateria, scudo Agcom esordisce anche in Champions e nel basket, February 15, 2024

